Ich hatte vorgestern ein Verfahren vor einem Arbeitsgericht und frage mich, ob das alles korrekt abgelaufen ist. Es wird ein längerer Text, ich versuche mich kurz zu fassen und halbwegs sinnvoll zu gliedern.
Vorgeschichte
Ich hatte zwei Jahre bei einer kleinen Hausverwaltung gearbeitet. Leider verkauften die beiden Geschäftsführer die Firma altersbedingt nach meinem ersten Jahr und es kam eine neue Geschäftsführung. Eigentlich wollten die ehemaligen Chefs noch als Angestellte mit reduziertem Umfang arbeiten, aber sie wurden bereits nach wenigen Wochen gekündigt. Dafür wurden neue Personen eingestellt. Ein paar Wochen wurde meine Kollegin von früher gekündigt (hatte unentschuldigt gefehlt). Es wurden erneut weitere Personen eingestellt und ich war die letzte Person mit altem Arbeitsvertrag.
Das Jahr nach dem Wechsel der Geschäftsführung war extrem stressig. Man hat immer mehr Immobilien (Miet- und Eigentumsverwaltung) aufgenommen, hatte aber nicht genug Personen, die sie abrechnen oder Wirtschaftspläne schreiben können. Ich gehörte jedoch dazu und war zudem die einzige Person in der Firma, die das bis dahin noch verwendete Verwaltungsprogramm bedienen konnte. Parallel hat man auf ein anderes System umgestellt. Da es abrechnungstechnisch aber viele Besonderheiten gab, die sich mit dem neuen Programm so teilweise noch gar nicht darstellen ließen, musste mit dem alten Programm abgerechnet werden. Ich habe also viele Überstunden geschoben und mir wirklich den Arsch aufgerissen, um alle Abrechnungen vor Jahresende versandfertig zu bekommen. Zwar konnte man einfachere Abrechnungen zwischenzeitlich auch mit dem neuen Programm erstellen, trotzdem rechnete niemand damit, dass wir es schaffen.
Wir schafften es kurz vor Weihnachten. Da ich noch einen ziemlich niedrigen Einstiegslohn hatte, hielt ich es für den richtigen Augenblick nach einer Gehaltserhöhung zu bitten. Der Geschäftsführer (einer von zwei, der andere war fast nie da) sagte er würde sich etwas über Weihnachten überlegen und so war es dann auch. Denn als ich ihn im Januar noch einmal darauf angesprochen habe wurde ich gekündigt. In der schriftlichen Kündigung wurden keine Gründe aufgeführt. Mündlich wurde mir mitgeteilt, dass meine Arbeit nicht gepasst hätte und es außerdem zu wenig für mich zu tun gäbe. Ich glaube dazu muss ich nicht viel sagen.
Ich ließ mich anwaltlich beraten und klagte, woraufhin ich noch einmal fristlos gekündigt wurde. Diesmal wurde als Grund genannt, ich hätte Firmeninterna verraten. Das ist zwar völlig haltlos, verfolgte aber laut meinem Anwalt das Ziel mich vom Arbeitslosengeld abzuschneiden und so war es dann auch. Wohl in der Hoffnung, dass ich mir den Prozess nicht mehr leisten könne. Dieser wurde diverse Male verschoben. Die Zeit ließ die Gegenseite nicht ungenutzt und versuchte irgendwie eine Rechtfertigung für die Kündigung zu kreieren. Man hat dann schließlich folgenden Vorgang gefunden:
Eine ältere Eigentümerin ließ die Nebenkostenabrechnung für ihr vermietetes Haus in den vergangenen Jahren über die Firma abrechnen und auch mal eine Mieterhöhung durchführen. Auch Ende 2025 fragte sie, ob dies wieder möglich sei. Ich fragte meine Vorgesetzten, die mit Verweis auf die Fristen der Abrechnungen ablehnte. Dies habe ich der Frau mitgeteilt. Daraufhin fragte sie mich verzweifelt, was sie denn jetzt machen solle. Ich bot ihr an die Abrechnung dieses Jahr ausnahmsweise privat nach meiner Arbeitszeit für eine Aufwandsentschädigung i. H. v. 100 € durchzuführen. Natürlich konnte ich meinem Anwalt lediglich die E-Mails zur Verfügung stellen, die ich mit der Eigentümerin von meinem privaten E-Mailkonto geführt habe. Die Ablehnung war also nicht dabei. Sämtliche E-Mails zu Zählerständen, Nebenkostenvorauszahlungen etc. sind von abendlichen Uhrzeiten, weit nach meinem Feierabend um 15 Uhr. Trotzdem erhielt ich ein Schreiben des gegnerischen Anwaltes, in dem man mir den Vorwurf machte ich hätte ohne Absprache mit meinen Vorgesetzten die Eigentümerin hinters Licht geführt, damit ich mich auf Kosten der Firma um sage und schreibe 100 € bereichern könne (den Verwaltungsaufwand nicht wert, insbesondere privat in Excel). Zudem hätte ich die Abrechnung auf meinem Arbeitsplatz während meiner Dienstzeit erstellt.
Ich möchte nicht unerwähnt lassen, dass es noch eine E-Mail von meinem Firmenrechner an die Frau gab, bereits nach meiner Kündigung. Ich gebe zu die Formulierung war blöd, ich schrieb sie solle der Firma gegenüber nicht erwähnen, dass ich die Abrechnung privat durchgeführt habe, weil die Geschäftsführung dann möglicherweise erbrachte Leistungen aus der Vergangenheit abrechnet. Der Hintergrund war der, dass die neuen Geschäftsführer im Namen von Wohnungseigentümergemeinschaften Verträge abgeschlossen haben, ohne die Eigentümer zu informieren, oder den Auftrag zu haben. Diese Verträge beinhalteten hohe Kosten für unklare Leistungen und Leistungen, die es bei den bisherigen Vertragspartnern günstiger gegeben hätte. Dasselbe ist mit Versicherungen passiert, was auch dazu führte, dass Eigentümer uns aus wichtigem Grund fristlos die Verwaltung gekündigt haben. Ich wollte nicht, dass die neue Geschäftsführung die Frau über den Tisch zieht, was ich wohl hätte deutlicher kommunizieren müssen. Ich löschte die E-Mail aus dem Gesendet Ordner und dann aus dem Gelöscht Ordner. Es wurde sich also offenbar Mühe gegeben belastendes Material zu finden.
Der Prozess
Eigentlich war ich mir ziemlich sicher, dass ich entweder wieder eingestellt werden würde (was ich eigentlich nicht möchte, ich habe eine bessere Stelle) oder man mir eine Abfindung anbieten würde. Die Beweise für meine Aussagen liegen auf den Servern der Gegenseite, außerdem gibt es Zeugen. Darunter Kollegen, die den Stress und Zeitdruck bezeugen können und die Eigentümerin, die den Ablauf ebenfalls bestätigen kann. Leider hatte sie die E-Mails, die ich von der Firma aus an sie geschrieben habe nicht mehr. Tatsächlich kam es aber anders:
Gleich nachdem alle Personen im Verhandlungssaal Platz genommen haben wandte sich der vorsitzende Richter (saß zwischen zwei weiteren Personen) an mich und sagte, dass die Faktenlage ja recht eindeutig sei, ich froh sein solle, wenn ich "so da wieder raus" käme und wenn ich das diskutieren wolle, er mich beim Staatsanwalt wegen Prozessbetrugs anzeigen werde. Das ist das, was mir aus seinem etwa drei Minuten langen passiv-aggressiven Monolog in Erinnerung geblieben ist. Ich habe mich gefragt was ihm bitte für Unterlagen vorliegen und meinen Anwalt fragend angesehen. Der ist komplett rot angelaufen und mir deutlich gemacht gar nichts zu sagen.
Nachdem der Richter noch irgendetwas für den Verfahrensverlauf irrelevantes zu dem Anwalt der Gegenseite sagte, folgte von ihm ein Vergleichsvorschlag nach dem meine Kündigung rechtmäßig war, ich lediglich ausstehende Urlaubstage ausgezahlt und ein Arbeitszeugnis bekomme, in dem "dieser Vorgang keine Erwähnung findet" wtf? Zudem muss ich die unrechtmäßig fast schon geraubten 100 € an die Firma zahlen. Die Verhandlung wurde unterbrochen. Vor der Tür war mein Anwalt sichtlich geschockt. Er bläute mir deutlich ein ja nichts zu sagen und den Vergleich zu akzeptieren, weil nicht nur ich, sondern auch er dann erhebliche Probleme bekämen. Natürlich war ich eingeschüchtert und ließ daraufhin wieder im Saal durch meinen Anwalt meine Zustimmung verkünden.
Hinterher
Ich frage mich jetzt, wie fair dieses Verfahren war. Schließlich wurde mir unter Androhung von Strafe das Wort verboten. Zumindest habe ich es wahrgenommen. Ich sah keine Möglichkeit meine Seite der Geschichte darzulegen, ohne dass der Richter diese "Diskussion" im Keim erstickt und ich auch noch ein Strafverfahren am Hals habe. Zeugen wurden nicht gehört. Die Gegenseite wurde nicht dazu aufgefordert den gesamten E-Mailverkehr preiszugeben. Die ganze Sache war inklusive Prozessunterbrechung nach 15 Minuten vorbei und ich habe das starke Gefühl, dass das Urteil bereits feststand, bevor ich den Gerichtssaal überhaupt betreten habe.
Ich frage mich außerdem, ob ich überhaupt eine Chance gehabt hätte. Hätte ich die Abrechnung nicht privat durchgeführt, hätte mir die Firma vorwerfen können sie so schädigen zu wollen und mir dann nicht nur 100 € berechnen, sondern den normalen Verwaltungssatz von rund 300 € für das Objekt. Vielleicht kann mir jemand auch sagen wie es sonst vor einem Arbeitsgericht abläuft. Werden Zeugen gehört? Kann das Gericht den Arbeitgeber dazu verpflichten an der Wahrheitsfindung mitzuwirken? Oder ist es normal, dass es keine Wahrheitsfindung gibt und einfach ein Urteil gefällt wird?