CW!suizid
Hallo,
das ist der erste Beitrag, den ich ins Internet stelle, um um Hilfe zu bitten bzw. mir meinen Frust von der Seele zu schreiben.
Kurz zu mir: Ich bin 25 Jahre alt, werde in ein paar Tagen 26 und bin mittlerweile ein selbstbewusster junger Mann, der mitten im Leben steht. Seit 1,5 Jahren bin ich in meiner ersten Beziehung und einfach nur glücklich.
Nun möchte ich ein wenig von meiner Kindheit erzählen, die meiner Meinung nach schlimm war.
Ich wurde in den 2000er-Jahren geboren. Mein Vater verließ uns nur wenige Monate nach meiner Geburt. Meine Mutter war bis zu meinem fünften Lebensjahr alleinerziehend. Sie hatte aber, wie ich heute weiß, schon länger den Wunsch nach einer Beziehung.
Auch ich bekam durch die Kita mit, dass die meisten anderen Kinder einen Vater hatten. Also fragte ich natürlich irgendwann: „Wo ist meiner?“
Mein Vater wollte nie Kontakt zu mir haben. Das ging allerdings nur von seiner Seite aus. Ich habe bis ins Jugendalter immer wieder versucht, irgendwie Kontakt zu ihm aufzunehmen – leider vergeblich.
Ich konnte mir damals nichts Schöneres vorstellen, als einen Vater und eine Mutter zu haben.
Ich kann mich noch daran erinnern, dass wir öfter in unserem Dorf zu Pferden gelaufen sind, um sie anzuschauen und zu streicheln. Gleich in der Nähe war eine LPG, also ein größerer Bauernhof. Dort stand immer ein Auto, und meine Mutter schrieb kleine Zettel und legte sie unter die Scheibenwischer.
Anscheinend war das so etwas wie Tinder in den 2000ern. XD
Naja, wie dem auch sei: Als ich ungefähr fünf Jahre alt war, brachte meine Mutter einen Mann mit nach Hause.
Ich war direkt begeistert. Endlich! Endlich habe ich auch einen Papa!
Ich fragte ihn auch direkt: „Bist du jetzt mein neuer Papa?“
Er antwortete prompt: „Nein.“
Was ich in diesem Moment gedacht habe, weiß ich leider nicht mehr.
Ich versuchte, soweit ich mich erinnere, trotzdem eine Art Beziehung zu ihm aufzubauen. Ich sagte Dinge wie „Ich hab dich lieb“, was allerdings nicht allzu gut ankam. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass er so etwas jemals zu mir zurückgesagt hätte. Auch Umarmungen waren für mich mit ihm fremd.
Die ersten Monate vergingen. An vieles erinnere ich mich heute nicht mehr.
Er hatte noch zwei Kinder aus einer vergangenen Ehe, die jedes zweite Wochenende bei uns waren: einen Sohn, der ungefähr vier Jahre älter war als ich, und eine Tochter, die etwa drei Jahre jünger war.
Wir lebten zu dieser Zeit noch in einer Mietwohnung in einem Dorf mit ungefähr 2.000 Einwohnern.
Nach wenigen Monaten kaufte der Freund meiner Mutter ein altes, großes Haus. Es lag ungefähr 30 Kilometer von unserer damaligen Wohnung entfernt, in einem Dorf mit nur zweistelliger Einwohnerzahl. Der nächste Nachbar war ungefähr 500 Meter entfernt.
Kurz zu dem Haus: Eigentlich war es eine Villa, die aus mehreren Wohnungen bestand. Es müssten ungefähr zehn Wohnungen gewesen sein. Alle waren stark veraltet und teilweise unbewohnbar. Das Haus wurde um 1800 gebaut und wahrscheinlich im 19. Jahrhundert das letzte Mal richtig bewohnt.
Das Grundstück war ungefähr 1.000 m² groß und bestand aus mehreren Garagen, Schuppen und Grünflächen.
Unten im Haus stand ein alter Holzofen, der angefeuert werden musste, damit wir warmes Wasser hatten.
Der Freund meiner Mutter renovierte mit Freunden eine der unteren Wohnungen für uns. Das ging relativ schnell und nur etwa ein Jahr später zogen wir in dieses Haus ein.
Ich weiß noch, dass sich der Freund meiner Mutter einen Lkw besorgt hatte und mein Stiefbruder und ich hinten auf der Ladefläche mitfuhren, weil vorne kein Platz mehr war.
Nun kam auch meine Einschulung immer näher.
Ich freute mich wie jedes Kind darauf. Ich bekam also eine Zuckertüte und ging anschließend in die Schule.
Meine Mutter hat mir später erzählt, dass sie mich am ersten Tag nach der Schule gefragt hatte:
„Und, wie war's?“
Meine Antwort soll gewesen sein:
„Die Zuckertüte war ja nur eine Verarsche. Schule ist gar nicht so toll.“
Ich war nie wirklich gut in der Grundschule und brachte öfter Dreien und Vieren mit nach Hause. Das lag unter anderem an meiner damals noch unentdeckten und zu dieser Zeit auch nicht unbedingt bekannten LRS.
Der Freund meiner Mutter konnte das leider überhaupt nicht verstehen. Ihm war in der Schule immer alles leichtgefallen.
Deshalb wurde der Ton in den darauffolgenden Jahren immer strenger. Wegen schlechter Noten bekam ich von ihm oft sogenannte „Bettstrafen“.
Wer nicht weiß, was damit gemeint ist, hier eine Erklärung:
Ich stand am Wochenende auf, frühstückte und sobald ihm irgendetwas nicht passte, sagte er zu mir: „Geh wieder ins Bett.“
Dort musste ich dann bis zum Abendbrot bleiben.
Wenn es wieder Worte gab, bekam ich ein paar „hinter die Löffel“, wie man das bei uns nannte.
Damit war ein Schlag mit der flachen Hand hinter beziehungsweise auf den Kopf gemeint.
Es tat meistens weh.
Im Bett durfte ich übrigens nichts machen. Ich durfte weder lesen noch spielen oder sonst irgendetwas tun. Meistens lag ich einfach da, schaute an die Decke und zählte die Maserungen im Holz.
Oft hatte ich solche Angst vor ihm, dass ich nicht einmal auf die Toilette gehen wollte. Zu groß war die Angst, dass er mich außerhalb des Bettes erwischen könnte.
Einmal blätterte ich in einem MediaMarkt-Katalog. Er merkte, dass mich die Dinge darin interessierten.
Also wollte er daraus offenbar eine Art „Lernlektion“ machen.
Er sagte zu mir:
„Hier, du willst dir diesen Kühlschrank kaufen. Du verdienst so und so viel und hast so und so viel im Monat übrig. Wie lange musst du dafür arbeiten?“
Heute würde ich das wahrscheinlich mit links ausrechnen. Aber damals war ich ungefähr acht Jahre alt.
Für mich war das eine Herkulesaufgabe.
Also rechnete ich hin und her, präsentierte ihm irgendwann ein Ergebnis und er sagte:
„Falsch. Nochmal.“
Dieses Spiel wiederholte sich immer wieder.
„Falsch. Nochmal.“
„Falsch. Nochmal.“
„Falsch. Nochmal.“
„Falsch. Nochmal.“
„Falsch. Nochmal.“
Mittlerweile war es schon Nachmittag. Ich saß immer noch am Frühstückstisch und versuchte, diese Aufgabe zu lösen.
Er war währenddessen mit irgendwelchen Freunden im Keller.
Irgendwann ging ich wieder voller Angst zu ihm nach unten und fragte, ob die Aufgabe denn nun endlich richtig sei.
Er sagte wieder: „Falsch.“
Dann rechnete er es mir schnell vor und sagte:
„So. Und jetzt willst du diesen Fernseher kaufen. Rechne mir das mal schnell aus.“
Ich saß am Küchentisch und weinte.
Draußen sah ich meine Stiefgeschwister, wie sie spielten und lachten.
Und ich?
Ich saß hier.
Ihr fragt euch vielleicht: Wo war denn deine Mutter?
Sie war arbeiten.
Sie arbeitete ab und zu am Wochenende. Diese Wochenenden waren für mich der Horror.
Kurz bevor sie von der Arbeit nach Hause kam, ging ich wieder zu ihm und fragte:
„Ist es jetzt richtig?“
„Nein.“
Wieder falsch.
Aber dann sagte er: „Geh raus und spiel etwas.“
Es müsste ungefähr 17 Uhr gewesen sein.
Wir waren übrigens bereits um 8 Uhr aufgestanden.
Wenn meine Stiefgeschwister da waren, waren die Wochenenden meistens erträglicher. Ich stand dann weniger im Fokus.
Meine Mutter sagte mir immer, wenn sie arbeiten musste und meine Stiefgeschwister am Wochenende nicht da waren:
„Geh doch kurz raus und frag ihn, ob du ihm bei etwas helfen kannst. Das bringt euch vielleicht etwas zusammen.“
Also stand ich morgens auf und überlegte erst einmal, ob ich wirklich fragen sollte, ob ich helfen kann.
Irgendwann fragte ich.
Er sagte:
„Klar. Gieß die Tomaten. Sammel das Holz ein.“
Er hatte Kontakt zu einer Sägemühle. Unterhalb unseres Hauses befand sich eine. Von dort bekamen wir immer Holzreste. Diese mussten klein geschnitten werden – mit einer Kreissäge – und anschließend in den Keller gebracht werden. Das wurde meistens zweimal im Monat gemacht.
Dann hieß es:
„Feg das Haus.“
Das Haus bestand aus mehreren Etagen.
Und so weiter und so weiter.
Die Aufgaben nahmen kein Ende.
Dabei hätte ich eigentlich viel lieber gespielt.
Einmal musste bei uns etwas an den Strom- oder Abwasserleitungen gemacht werden. Dafür wurde ein Loch zu den Leitungen gegraben. Anschließend musste es natürlich wieder zugeschüttet werden.
Wir waren mehrere Personen: meine Mutter, der Freund meiner Mutter und zwei Freunde von ihm.
Der Freund meiner Mutter sagte zu mir:
„Ich habe es aufgeschaufelt und du schaufelst es wieder zu.“
Zur Einordnung: Das Loch war ungefähr drei Meter lang und 1,5 Meter tief. Daneben lag locker über eine Tonne Erde.
Er drückte mir also die Schaufel in die Hand und ging anschließend mit meiner Mutter in den Garten, wo sie Bier tranken und sich unterhielten.
Gefühlt zwei Stunden später kamen sie zurück.
Meine Mutter wollte mir die Schaufel abnehmen und weitermachen.
Da sagte ihr Freund:
„Nein, das schafft er. Er macht es allein!“
Sie sagte nicht wirklich etwas dagegen.
Sie schauten mir noch ungefähr fünf Minuten dabei zu.
Bis meine Mutter plötzlich einen Grund erfand, warum er ins Auto müsse, um etwas zu holen.
Als er weg war, sagte meine Mutter zu seinen Freunden, sie sollten schnell schauen, wann er wiederkommt. Dann riss sie mir die Schaufel aus der Hand und versuchte, das Loch so schnell wie möglich zuzuschaufeln.
Er kam zurück.
Sie drückte mir schnell wieder die Schaufel in die Hand.
Das Loch war Gott sei Dank zu.
An einem anderen Tag ging ich mit meiner Mutter und ihrem Freund spazieren. Natürlich war auch unser Hund dabei.
Plötzlich sagte ihr Freund zu mir:
„Komm, wir machen ein Wettrennen den Hügel hoch.“
Ich verlor natürlich.
Ich würde sagen, ein Neunjähriger gegen einen 30-Jährigen – das sind nicht gerade faire Bedingungen.
Als ich oben angekommen war, sagte er mir, dass ich zur Strafe nun den gesamten Spaziergang den Hund führen müsse.
Der Hund war, glaube ich, ein Hovawart. Ich brauche wohl nicht zu erwähnen, dass diese Hunde eine Menge Ausdauer haben und fucking schnell rennen können.
Also versuchte ich mein Bestes, mit ihm mitzuhalten.
Nach mehreren Kilometern Tortur konnte ich einfach nicht mehr.
Ich war völlig fertig.
Das sagte ich ihm auch:
„Ich kann nicht mehr. Ich bin fertig.“
Ich blieb stehen.
Plötzlich kam er auf mich zu und fing ohne ersichtlichen Grund an, mich zu schlagen.
Schellen hinter den Kopf.
Links, rechts, links, rechts.
Ich hörte nur meine Mutter, die ungefähr 15 Meter entfernt war:
„Hör auf! Hör auf!“
Anschließend gingen wir zurück.
Ich versuchte irgendwie, den Rückweg zurückzujoggen.
Nach dem Abendessen sagte er zu mir:
„Du darfst dir noch einen Film aussuchen und ihn gucken.“
Darauf sagte ich:
„Darf ich doch eh nicht.“
Und ging ins Bett.
In seiner Erziehung war es auch nicht ungewöhnlich, irgendwelche Verbote auszusprechen.
Zu diesem Zeitpunkt hatte ich bereits ein „jahrelanges Fernsehverbot“.
Warum?
Ich weiß es nicht.
Bei Familienfilmabenden wurde ich dann natürlich ausgeschlossen:
„Du hast Fernsehverbot. Ab ins Zimmer mit dir.“
Das Verrückte ist: Mit ungefähr zehn Jahren war ich in einem Schwimmverein.
Selbst dort bekam ich nach einiger Zeit ein Verbot:
„Du darfst nicht mehr zum Schwimmen gehen!“
Warum?
Ich hatte keine Ahnung.
In der Woche war der Freund meiner Mutter immer recht lange arbeiten, sodass ich abends dann doch auch mal fernsehen konnte – wobei „fernsehen“ eigentlich zu viel gesagt ist.
Wir hatten keinen Fernseher, sondern nur einen Beamer mit einem Laptop. Meistens haben wir uns die Klassiker wie Bud Spencer oder Michel aus Lönneberga angeschaut.
Mit Letzterem konnte ich mich immer identifizieren.
Ein Junge, der nicht gemocht wurde und immer Strafen bekam?
Ja, das könnte auch ich sein!
Mit neun Jahren bekam ich langsam auch immer mehr Suizidgedanken. Ich stellte mir mehrmals vor, wie ich einfach auf das Dach ging und runterfiel. Dann wäre ich weg!
Der Fehler, der doch eh immer alles falsch machte.
Der nichts kann und aus dem im Leben sowieso nichts werden würde.
Denn genau das musste ich mir immer wieder aufs Neue anhören.
Ich sagte öfter zu meiner Mutter:
„Ich bin nicht dein Kind. Ich gehöre nicht hierher!“
Einmal fragte ich meine Mutter, ob ich einfach ins Kinderheim könne.
Sie gab mir das Telefon.
Ich wollte nach der Nummer für das Jugendamt fragen.
Da riss sie mir das Telefon wieder aus der Hand und sagte:
„Du spinnst.“
Einmal sagte der Freund meiner Mutter im Auto zu mir:
„Weißt du was? Wenn plötzlich ein schwarzes Loch auftauchen würde und du hineinfallen würdest, wäre das gar nicht so schlimm! Klar wäre deine Mutter traurig, aber ich würde einfach ein neues Kind mit ihr machen und dann wäre sie auch wieder glücklich.“
Einmal waren wir bei Freunden. Diese fragten meine Stiefgeschwister und mich, was denn unser Traumberuf wäre.
Meine Stiefgeschwister antworteten prompt:
„Ich will Landwirt werden!“
„Ich will Polizistin werden!“
Ich sagte zögerlich:
„Berufskraftfahrer.“
Darauf kam von seiner Seite nur:
„Tzzzz. Das wird eh nichts.“
Ich könnte wahrscheinlich noch Tausende andere Szenarien beschreiben, doch es soll ja kein Buch werden.
Mit etwa elf Jahren sind wir endlich dort ausgezogen.
Er hatte meine Mutter mit einer anderen Frau betrogen.
Ich weiß heute noch alles ganz genau!!!!!
Meine Mutter kam in mein Zimmer und sagte:
„Wir bleiben hier nicht. Wir ziehen aus!“
Ich konnte meinen Ohren nicht glauben.
Was?!
Habe ich das wirklich richtig gehört?
Sie ging wieder aus dem Zimmer.
Ich war vor Freude fast nicht mehr eingeschlafen.
Nun war es so weit: der Tag des Auszugs.
Wir fuhren vom Hof auf die Straße.
Ich dachte, ich träume.
Endlich weg.
Endlich frei.
Endlich keiner mehr, der mich hasst, mich runtermacht oder schlägt.
Ich war sooooo froh.
Beim neuen Zuhause trugen wir alles hoch und richteten die Wohnung ein.
Der Freund meiner Mutter half aus irgendeinem Grund auch noch mit.
Nun war es so weit: Alle Möbel waren ausgeladen.
Jemand rief mich nach unten:
„Komm, verabschiede dich von dem nun Ex-Freund deiner Mutter.“
Ich streckte ihm die Hand entgegen.
Doch plötzlich umarmte er mich.
Ich habe die Welt nicht mehr verstanden.
Es war ein sehr komisches Gefühl!
Nun fuhr er vom Grundstück.
Ich beobachtete genau, ob er wirklich wegfuhr.
Ich war frei.
Nun wusste ich: Jetzt wird alles besser.
Mit elf Jahren ging ich in eine Psychotherapie.
Bis ich mein Selbstvertrauen und mein Selbstbewusstsein wiederfinden würde, vergingen trotzdem über zehn Jahre.
Ich verstehe mich mit meiner Mutter trotzdem heute extrem gut.
Wir hatten finanzielle Engpässe und mussten uns immer aufeinander verlassen können. All das hat uns fest zusammengeschweißt.
Das Problem?
Sie datet seit Neuestem wieder diesen Typen.
Ich habe ihr gesagt, dass ich nichts mit ihm zu tun haben möchte. Ich habe gesagt, dass er ein Arschloch ist und sie auf sich aufpassen soll.
Ich akzeptiere es, weil ich sowieso nichts daran ändern kann.
Sorry für diesen langen Text.
Aber ich würde gerne eure Gedanken dazu wissen.
Was würdet ihr machen?