r/luftablassen • u/Final_Piccolo_9480 • 19h ago
Nein Kapitalismus ist nicht der Grund für unseren Lebensstandard!
Junge, ey, wirklich, wie mir das auf den Sack geht …
Jedes Mal dieselbe Leier mit den ganzen BWL-Justussen und Ü50-Menschen, die den Kapitalismus so unironisch anpreisen, als wäre er die Krönung der menschlichen Zivilisation.
Arbeitskollege vorhin beim Kaffee:
Erst mal darüber beschweren, wie teuer der Sprit geworden ist und dass mittlerweile alles unbezahlbar wird.
Ich: Jo, willkommen im Kapitalismus.
Und FUCK, ich bereue diesen Satz.
Es ging direkt los:
"Ja, aber der Kapitalismus schafft Wettbewerb!!! Ohne Kapitalismus würde die Forschung nicht so gut laufen!!! Ohne Kapitalismus gäbe es keine Innovation!!!"
JUNGE. Ohne Kapitalismus gäbe es vielleicht weniger Anreize, mit bestimmten Dingen Geld zu verdienen. Aber seit wann ist Profitmaximierung automatisch gleichbedeutend mit Fortschritt?
Wir leben in einem System, in dem Unternehmen möglichst jedes Produkt, jeden Kunden und jeden noch so kleinen Lebensbereich melken sollen und wollen, solange es irgendwie geht. Gleichzeitig werden Kosten gedrückt, Qualität eingespart und Preise so weit erhöht, wie es der Markt gerade hergibt.
Und das soll jetzt die große Errungenschaft des Wettbewerbs sein?
Kapitalismus 1x1 lautet: Ein Unternehmen, das nicht wächst, gilt irgendwann als gescheitert. Also muss es entweder mehr Kunden gewinnen oder seine Profitmarge erhöhen.
Blöd nur, dass die Anzahl der Kunden nicht unendlich ist. Wir werden schließlich nicht plötzlich doppelt so viele Menschen auf diesem Planeten.
Was macht man also? Man erhöht die Preise, spart an der Qualität, lagert Kosten aus, baut Stellen ab oder versucht, aus bestehenden Kunden noch mehr Geld herauszuholen.
Natürlich gibt es auch echten Wettbewerb, der Produkte besser und günstiger macht, aber das ist nicht nur im Kapitalismus der Fall. Schlimmer noch: Dieses ewige Wachstumsdogma führt eben auch dazu, dass Produkte absichtlich kurzlebiger werden, Reparaturen sich nicht mehr lohnen und aus jeder noch so simplen Dienstleistung ein beschissenes Abo-Modell gemacht wird.
Und dann sitzen da Leute und erzählen mir ernsthaft, der Kapitalismus sei der Grund, warum wir heute Forschung betreiben und Innovationen entwickeln.
WELCHES OPFER GLAUBT DAS BITTE???
Medizin, Wissenschaft und technischer Fortschritt gab es schon lange, bevor der Kapitalismus in seiner heutigen Form existierte. Menschen haben Werkzeuge entwickelt, Feuer genutzt, Häuser gebaut, Sprache entwickelt und Krankheiten zu verstehen versucht, lange bevor irgendjemand auf die Idee kam, daraus ein Geschäftsmodell mit Quartalszielen zu machen.
Warum?
Weil Menschen neugierig sind. Weil sie Probleme lösen wollen. Weil sie ihre Lebensbedingungen verbessern wollen. Weil Wissen weitergegeben wird und Menschen auf den Erkenntnissen anderer aufbauen. Das merkt doch jeder an sich selbst?
Oder glaubt ihr ernsthaft, irgendein prähistorischer Mensch / Neandertaler, was weiss ich, hätte damals gesagt: "Du, ich erfinde jetzt mal das Rad, weil ich damit in 10.000 Jahren die Profitmarge meines Logistikunternehmens optimieren kann"?
Natürlich können wirtschaftliche Anreize Forschung beschleunigen. Natürlich kann Wettbewerb Innovation fördern. Das bestreite ich doch gar nicht.
Aber daraus zu machen, dass ohne Kapitalismus quasi kein Fortschritt möglich wäre, ist einfach nur absurd.
Kapitalismus ist kein Synonym für menschlichen Erfindergeist. Er ist ein Wirtschaftssystem, in dem Kapital und Gewinnerzielung faktisch die wichtigste Rolle spielen.
Und mein Problem damit ist nicht, dass Menschen Geld verdienen. Mein Problem ist, dass ein System, das permanent Wachstum und Rendite verlangt, irgendwann dazu führt, dass praktisch alles diesem Ziel untergeordnet wird.
Wohnen, Gesundheit, Lebensmittel, Mobilität. Selbst Dinge, die Menschen zum Leben brauchen, werden in erster Linie als Märkte und Profitmöglichkeiten betrachtet.
Und dann beschweren sich dieselben Leute über steigende Preise und sinkende Qualität, während sie mir erklären, wie geil der Kapitalismus doch funktioniert.
Junge, ich kann nicht mehr.
PS: Ich möchte keinen Streit darüber führen ob Kapitalismus das best bewährte System ist oder sonst was, aber ein System heilig zu sprechen aber sich im selben Atemzug über die offensichtlichen Folgen darüber zu beschweren verstehe ich einfach nicht.


