r/Gedichte • u/Highlandermichel • 12h ago
Feldweg (Liedtext, 7 Strophen, größtenteils Anapäst)
Nachdem in diesem Forum heute die Frage nach Gedichten im Anapäst aufkam, möchte ich die Gelegenheit nutzen, um diesen Liedtext vorzustellen. Zwar nicht ganz durchgehend in diesem Versmaß: die erste Zeile jeder Strophe weicht davon ab, und die Zeile mit dem Bibelzitat in der vorletzten Strophe hat eine Silbe zu wenig. Aber der ganze Rest ist Anapäst.
Feldweg
In jüngeren Jahren, da dachte ich mal,
dieser Weg durch mein Leben muss aufregend sein.
So ein Pfad durch die Berge war mein Ideal,
meistens mühsam und einsam, viel Stock und viel Stein,
dafür könnt' ich die herrlichsten Landschaften seh'n,
die sonst kaum jemand sieht, und ich dachte, ich müsst'
mir das antun, vollkommen verkennend, wie schön
auch ein Feldweg in seiner Bescheidenheit ist.
Ohne den Anspruch auf Einmaligkeit,
einfach Mittel zum Zweck, daher meist unmarkiert.
Gradeaus, wenn man will, doch man kann jederzeit
sich ein neues Ziel setzen, ganz unkompliziert.
Welchen Weg man auch wählt: alle sind gut genug.
Weltbewegende Ziele erreicht man hier nicht.
Das erwartet auch niemand, man hat keinen Druck
und das nächste Etappenziel immer in Sicht.
Sicher, man sagt zwar, der Weg sei das Ziel,
doch ist dieser nicht eigentlich irrelevant?
Reicht es nicht, dass er da ist, und geht es nicht viel
mehr um all das Erfeuliche am Wegesrand?
Um die Blumen, die Vögel, die Wolken, den Wind
und die Freiheit, so angenehm langsam zu geh'n,
um die Freuden am Weg, gleich, wie flüchtig sie sind,
ganz bewusst auch zu spüren, zu hör'n und zu seh'n.
In jüngeren Jahren, da habe ich stets
mit Verachtung auf Autobahnmenschen geschaut,
auf ihr Leben so ganz ohne Ruhe, da geht’s
nur um schneller und weiter, nur stressig und laut.
Aber wenn sie es brauchen – was maß ich mich an,
hier zu lästern, wann wohl der Burnout ihnen droht?
Solang ich meinen Feldweg entlangradeln kann,
ohne dass sie mich stör'n, ist doch alles im Lot.
Denn was ich an diesen Feldwegen mag:
trifft man hier draußen Leute, dann stören sie nicht.
Man grüßt freundlich, zuweilen folgt auf „Guten Tag“
etwas Smalltalk bei einem bekannten Gesicht.
Dass man dafür die Zeit hat, das ist hier normal,
alles läuft ganz entspannt, es ist niemand gestresst,
nicht wie dort, wo die Massen sich drängen, egal
ob A8 oder Aufstieg zum Mount Everest.
Auf einer Anhöhe steht dann ein Baum,
eine Bank und ein Kreuz und ein Spruch, so was wie
„Herr, du stellst meine Füße auf weiten Raum“,
und ich mein, allzu tief religiös war ich nie,
ohne Kontext bedeutet mir so was nicht viel.
Doch das ganze Ensemble, das lädt dazu ein,
sich für einen Moment zu verlier'n im Gefühl,
mit der Welt und dem Leben im Reinen zu sein.
In jüngeren Jahren, da hatte ich mal
große Pläne, und nichts davon hab ich erreicht.
Doch das Schöne daran ist: es ist mir egal.
Ich vertrag keinen Stress, lieber mach ich’s mir leicht.
Für besondere Wege bin ich nicht gemacht,
bild mir längst nichts mehr auf meine Eigenheit ein,
und das heißt: er ist nun einmal dazu gedacht,
dieser Weg durch mein Leben, ein Feldweg zu sein.
(Michael Abend 2024)
