1.000 Kilometer, knapp 6.000 Höhenmeter, viereinhalb Tage. Zwei Booking.com-Dramen, ein Kreislauf, der kurz aussteigen wollte, ein Hotelzimmer von der Größe einer Besenkammer — und ganz am Ende ein Wettrennen gegen einen Carabiniere nach der Nachtschicht.
Der Erfahrungsbericht zu dieser geplanten Tour.
** Strukturiert und korrekturgelesen von einem LLM **
Die nackten Zahlen vorweg
| Strecke |
Oberbayern → Rieti (Latium) |
| Zeitraum |
29. August – 2. September 2026, 4½ Tage |
| Distanz |
1.000,6 km |
| Höhenmeter |
~5.800 hoch |
| Bewegte Zeit |
~47 Stunden im Sattel |
| Kalorien |
~19.000 kcal (ein paar Kilo leichter war ich danach, hoffentlich das richtige Zeug) |
| Höchster Punkt |
1.334 m — der Brenner, natürlich |
| Härtester Tag |
Tag 1. Mit Abstand. Dazu gleich mehr. |
| Kosten |
360 EUR für Verpflegung und Übernachtungen, inkl. der Snacks, die ich von Zuhause mitgenommen hatte. |
Fünf Tage, fünf Länderwechsel der Landschaft: von den bayerischen Voralpen über den Brenner, durchs Etschtal, quer über die Poebene an die Adria, in die Apenninen und schließlich hinunter in den geografischen Nabel Italiens. Fast alles auf Radwegen oder sehr ruhigen Straßen — ich bin wirklich nur dort auf die große Straße gegangen, wo es gar nicht anders ging.
Tag 1 — Über den Brenner, und zwar den ganzen weiten Weg
Geplant war der Start in Rosenheim. Geworden ist es ein kleines Dorf in der Nähe des Chiemsees, weil die Deutsche Bahn das tat, was die Deutsche Bahn eben tut — ich hatte das schon am Vortag kommen sehen. Also: 6.30 Uhr aufs Rad, bei herrlich frischen 17 Grad (eher weniger), und los.
Die ersten rund 170 Kilometer waren erstaunlich entspannt. Ganz sanft bergauf bis etwa Kilometer 70, dann gemütlich durchs Inntal gerollt. Das Wetter war top, im Lauf des Tages kletterte es auf 28 Grad — noch völlig im Rahmen. Richtig ernst wurde es erst zwischen Wattens und dem Brenner. Denn der Brenner kam bei mir erst bei Kilometer 210. Bis dahin hatte ich schon über 2.100 Höhenmeter in den Beinen, und die merkte ich.
Trotzdem bin ich dann noch bis Kilometer 250 weitergefahren, zu einem Hotel direkt an der Radstrecke zwischen Sterzing und Brixen, in dem ich schon mal war. Und hier beginnt die erste von zwei kuriosen Übernachtungsgeschichten dieser Tour:
Ich bekam ein Zimmer — was ich im Moment selbst nicht wusste —, das eigentlich schon einem anderen Gast telefonisch zugesagt worden war. Der hatte nämlich am Nachmittag am Telefon reserviert, und nachdem ich am Abend vom Wirt das Zimmer bekommen habe und schon duschen war, ist es diesem wohl eingefallen. Sichtlich genervt — vermutlich mehr über sich selbst als über mich — griff er zum Hörer, rief den anderen Gast an, der natürlich noch nicht da war, und erklärte ihm sinngemäß: Er brauche gar nicht erst aufzutauchen, das Zimmer sei vergeben, jemand habe es über Booking vor seiner Nase - die des Gastes - weggebucht, das sei ihm - dem Wirt - erst jetzt aufgefallen, und er - der Gast - solle sein Glück anderswo versuchen. Forsch? Ja. Unfreundlich? Würde ich nicht sagen. Professionell? Eher auch nicht. Ob es dafür eine schlechte Google-Bewertung gab, entzieht sich meiner Kenntnis.
Was die Beine dazu sagten: Tag 1 war anstrengend, aber machbar. Durchschnittliche Herzfrequenz 132 — und zwar mit Brustgurt, nicht mit der Uhr. Die Normalized Power lag bei 154 Watt; mein Gefühl sagte 160, der kühle Rechner sagt 154, wir einigen uns auf „ordentlich", zumindest für meine Verhältnisse. Über 5.300 Kalorien, alles auf dem Rad, bei nur rund 45 Minuten Stehzeit — ich habe versucht, so oft es ging im Fahren zu essen. Abgesehen vom Brenner-Anstieg und dem Grenzübergang Deutschland–Österreich war fast alles Radweg oder verkehrsarme Nebenstraße.
Kurioserweise war ich abends weder besonders hungrig noch völlig zerstört. Das rächte sich dann prompt am zweiten Tag.
Tag 2 — Das Etschtal hinunter, und ein Kreislauf, der Feierabend machen wollte
Zweiter Tag, später Start: erst Viertel nach acht. Grund: Ich wollte das Hotelfrühstück mitnehmen. Im Nachhinein eine ziemlich dämliche Idee — es hat mich mindestens anderthalb Stunden Fahrzeit gekostet. Die Abwägung war eine Mischung aus Geiz und Bequemlichkeit: Ich zahle fürs Zimmer eh inklusive Frühstück, kann so viel essen wie ich will, spare mir das Geld unterwegs — also warum nicht gleich hier? Problem: Frühstück gab es erst gegen 7.30 Uhr (Wochenende), und Ende August heißt in Italien eben: Je später du losfährst, desto gnadenloser die Hitze. Ich habe also anderthalb kühle Morgenstunden gegen ein Buffet eingetauscht.
Lektion gelernt — und zwar gründlich: An allen folgenden Tagen bin ich lieber sehr früh gestartet und habe das Hotelfrühstück sausen lassen. Kilometer bei angenehmen Temperaturen sind mehr wert als ein zweites Brötchen.
Die Strecke selbst: von nördlich Brixen über die Pista Ciclabile della Valle dell'Adige hinunter — Bozen, Trient, Rovereto und dann immer weiter, weiter, weiter bis Verona. Landschaftlich ehrlich gesagt eher langweilig, weil es mein 6. Mal dort war, und praktisch durchgehend bergab: 629 Höhenmeter hoch, 1.163 runter. Und trotzdem war es nach dem Auspowern vom Vortag zäh. Wo ich an Tag 1 noch fast 160 Watt Normalized Power getreten hatte, waren es jetzt 123 — einerseits logisch, es ging ja nur bergab, andererseits schlicht, weil die Beine komplett platt waren. Die Herzfrequenz dafür super entspannt: 122 Schläge im Schnitt.
Zehn Stunden Fahrt, aber elfeinhalb Stunden insgesamt — also rund 1½ Stunden Pause, deutlich mehr als geplant. Ich habe aus Erschöpfung ständig kleine 5-bis-10-Minuten-Päuschen eingelegt, nach dem Motto „schadet ja nicht". Summiert sich halt. Und ehrlich: Diese Mini-Pausen helfen der Regeneration überhaupt nicht. Nächstes Mal: Tag 1 nicht überziehen — dann brauche ich die Kriech-Pausen gar nicht erst.
Und dann der Moment, der mir kurz Respekt einflößte. Gegen 18.30 Uhr, inzwischen trotz literweisem Trinken (in Italien gibt es herrlich viele Trinkbrunnen, ich habe meine dreieinhalb Liter bei jedem aufgefüllt) komplett überhitzt, legte ich eine ganz kurze Pause ein, um mit Freunden zu telefonieren. Beide Füße auf dem Boden, einfach nur stehen — und mir wurde schwindlig. Nicht ein bisschen, sondern richtig. Meine Küchentisch-Theorie dazu: Beim Treten pumpt der Druck auf die Fußsohlen das Blut mit nach oben; sobald ich stehe, muss das Herz allein ran und kommt kurz nicht hinterher. Ob das medizinisch stimmt, weiß ich nicht, aber in dem Moment klang es einleuchtend. Also wieder aufs Rad, weiterfahren — und siehe da, es wurde besser. Sicher fühlte sich das trotzdem nicht an. Ich wusste nicht, ob ich in zwei Minuten wieder umkippe. Also in den nächsten Ort, ein schönes Schattenplätzchen gesucht, abgestiegen, auf den Boden gesetzt, zehn Minuten Pause, ordentlich getrunken, ordentlich gegessen. Das war goldrichtig. Vermutlich eine Kombi aus Hitze, Anstrengung, zu wenig Trinken und zu wenig Essen — welcher Faktor genau, kann ich nicht sagen, wahrscheinlich alle zusammen. Danach war wieder alles okay.
Angekommen in Verona gegen 19.30 Uhr, Übernachtung bei Freunden — total lieb, zentral gelegen. Duschen, und dann die Frage: „Lust auf Pizza?" Klar, immer eine gute Idee, dann hole ich die Kalorien gleich wieder rein. Was ich in meiner Müdigkeit übersah: Erstens gab es erst um Viertel vor neun Essen, und ich wollte eigentlich früh ins Bett. Zweitens fuhren wir in einen Vorort — die Pizza war wirklich hervorragend, aber Hin- und Rückweg zogen sich. Ergebnis: gegen Mitternacht im Bett. Und am nächsten Morgen um 7.30 Uhr wieder wach und auf den Beinen. Schlaf: überschaubar.
Tag 3 — Quer durch die Poebene an die Adria (und der schnellste Tag, den sich niemand als schnell gemerkt hat)
Start in Verona um 7.30 Uhr, ohne Frühstück, aber gemütlich, bei angenehmen 21 Grad. Man merkte mit jedem Kilometer nach Süden: Es wurde heißer. Das Höhenprofil dafür entspannt — ein kleiner Anstieg raus aus Verona, danach praktisch alles flach: ganze 243 Höhenmeter auf 230 Kilometer. Eine Rentnerstrecke, wenn man die Distanz ausblendet.
Die Route: von Verona bis Ostiglia, dann ein Stück am Po entlang (ja, der längste Fluss Italiens heißt tatsächlich nur „Po") bis etwa Bondeno. Nur rund 40 Kilometer am Fluss, aber richtig schön: der Radweg breit, bestens ausgebaut, offensichtlich recht neu, und an einem Montag praktisch menschenleer. Danach runter von der Flussroute nach Ferrara, weiter nach Ravenna und schließlich nach Cesenatico an der Adria, genau zwischen Ravenna und Rimini. Nach Comacchio wäre ich gern reingefahren — 30 Kilometer Umweg, und in meinem Zustand hatte ich dafür exakt null Motivation.
Jetzt zum Tempo-Paradox, weil die Wahoo-Daten und mein Gefühl sich hier scheinbar widersprechen: Gefühlt war das ein lahmer Tag — Gegenwind den ganzen Tag (dieser klassische Wind, der von Süden ins Etschtal drückt, nervte in der Poebene gehörig), die Erschöpfung vom ersten Tag immer noch in den Beinen, nicht mal 23,0 km/h — trotzdem mein schnellster Tag der ganzen Tour. Gefühlt Rentnergeschwindigkeit, in echt ganz okay.
Die Herzfrequenz? Fehlanzeige für die erste Hälfte — mein Brustgurt fing erst ab der siebten Stunde an zu messen. Was er dann lieferte, war entspannt (grob um die 120–125), aber belastbar ist das nicht. Normalized Power 122 Watt — wieder die Erschöpfung vom ersten Tag, die ich den Rest der Tour mit mir herumschleppte.
Die Unterkunft, die den Namen nicht verdient: 37 Euro inklusive Kurtaxe. Ich hatte vorab keine Fotos gesehen und mich gefreut — Schnäppchen! Tja. Zimmer plus Bad zusammen gefühlt vier Quadratmeter: ein Raum mit Bett, Minitisch und winzigem Fenster, das „Bad" anderthalb Quadratmeter — Klo, direkt darüber der Duschkopf, ein Waschbecken, kein Duschvorhang. Nach dem Duschen war folglich alles nass und entsprechend eklig. Schnäppchen blieb es, aber jetzt wusste ich auch, warum.
Die Hitze hatte ich ab diesem Tag übrigens im Griff — mit einer Methode, auf die ich noch stolz bin: Ich hatte Armlinge dabei und ab Tag 3 durchgehend an. Gegen die Hitze halfen die kein bisschen (im Gegenteil), und am linken wie rechten Ellenbogen innen hatte ich einen fiesen Sonnenbrand (die Beine nur leicht, die waren schon braun). Also die Abwägung: Haut schützen und ein paar Grad mehr schwitzen, oder kühler fahren und Sonnenbrand auf Sonnenbrand riskieren. Ich entschied mich für die Kühle — und an jedem Brunnen das Trikot ausgezogen, nass gemacht, ausgewrungen, wieder angezogen, Kopf unters Wasser. Ab Tag 3 hatte ich damit null Hitzeprobleme mehr. Herrlich.
Zehn Stunden im Sattel — ungefähr die Grenze dessen, was ich mit müden Beinen und ramponiertem Hintern noch sitzen kann. Unter den Sitzknochen, genauer gesagt knapp darunter an den Oberschenkeln, hatte ich inzwischen Reibungsblasen. Unangenehm, aber fahrbar.
Tag 4 — In die Apenninen: die Gole del Furlo und eine Tür, hinter der Tränen standen
Weil das Zimmer so ungemütlich war, schlief ich bei offenem Fenster — und das an der Adriaküste, mitten im Touri-Gebiet. Deutsche, Italiener, Franzosen, Engländer und ein paar nicht näher identifizierbare Nationalitäten spazierten nachts unter meinem Fenster vorbei. Nicht übermäßig laut, aber bei meinem leichten Schlaf reichte das. Immerhin: früh wach, und so saß ich an Tag 4 schon um 6.40 Uhr auf dem Rad.
Die ersten rund 35–40 Kilometer direkt am Meer — fast durchgehend mit Blick aufs Wasser, ziemlich cool. Erstaunlich, wie viele Leute trotz der frühen Stunde schon unterwegs waren, die meisten davon leider im gemütlichen Bummeltempo, und die Radwege teils gepflastert, also alles andere als angenehm. Ein eher sanfter Einstieg in den Tag — vermutlich gar nicht verkehrt.
Bei Cattolica ging es ins Landesinnere, und damit begann der Anstieg. Eigentlich wäre ich gern nach San Marino hinaufgefahren, von Rimini Richtung Südwesten — gleiche Distanz, aber deutlich mehr Höhenmeter. Nach all dem Gejammer über meine Erschöpfung versteht sich von selbst: Jeden Höhenmeter, den ich nicht zwingend brauchte, habe ich dankend ausgelassen.
Denn die Apenninen, die Italien von Nord nach Süd durchziehen, sind zwar nicht so hoch wie die Alpen, stellen sich einem aber zuverlässig in den Weg, wenn man von einer Küste zur anderen will. Gut verteilt, aber am Ende standen doch 1.797 Höhenmeter für meine müden Beine auf der Uhr.
Das Highlight des Tages — und vielleicht der ganzen Tour: die Gole del Furlo, ziemlich genau bei Kilometer 90 von 180. Eine schmale, spektakuläre Schlucht, durch die der Fluss Candigliano fließt (nicht „Furlo", wie ich unterwegs dachte — Furlo ist die Schlucht, nicht der Fluss). Durch sie verläuft die uralte Via Flaminia, und der Römer-Tunnel, durch den man noch heute fährt, wurde unter Kaiser Vespasian in den Fels geschlagen. Die alte Panoramastraße am Fluss entlang ist längst „deklassiert", weil es inzwischen eine neuere Straße durch Tunnels gibt — aber genau deshalb ist die alte so ruhig und so schön. Landschaftlich großartig: enge Felswände, viel zu sehen, kaum Verkehr. Fantastisch.
Eine Bergformation überwunden, auf zur nächsten. Weiter bis Gubbio, danach kurz flach, dann wieder hinauf — grob von zwischen Rimini und Pesaro Richtung Perugia. Nach Perugia selbst bin ich nicht rein, sondern Richtung Bastia Umbra und von dort noch ein Stück Richtung Foligno. Dieses Tal, in dem Assisi, Bastia und Foligno liegen, ist die Valle Umbra.
Und dann die zweite, diesmal wirklich traurige Übernachtungsgeschichte. Nach dem Beinahe-Chaos von Tag 1 hatte ich diesmal vorab über Booking.com gebucht, bestätigt bekommen, und fuhr eine halbe Stunde vor Ankunft einfach hin. Ich stehe vor dem Haus, sehe das B&B-Schild, klingle — und heraus kommt eine Frau, bestimmt über 70. Ich: „Hallo, ich habe über Booking gebucht, ich bin Ihr Gast für heute." Ihr kommen die Tränen in die Augen. Das gehe leider nicht. Das B&B habe ihr Sohn betrieben; er sei gut 50 Jahre alt gewesen und zwei Monate zuvor gestorben. Sie habe ihm nur geholfen, habe keinen Zugang zum Booking-Account, habe denen sogar die Sterbeurkunde an Booking geschickt mit der Bitte, die Unterkunft offline zu nehmen und keine Gäste mehr zu schicken. Hat offenbar nicht geklappt. Ich sei in diesen zwei Monaten schon der Dritte, den sie wegschicken müsse.
Ich habe mein Beileid ausgesprochen und mir eine neue Unterkunft gesucht. Parallel wollte ich mit Booking telefonieren, um die Situation zu klären und mein bereits abgebuchtes Geld zurückzubekommen. Spoiler: Drei Tage später, nach insgesamt rund vier Stunden Warteschleife und Servicegesprächen, hatte ich mein Geld — und sogar ein paar Euro obendrauf. Gemessen an der vertelefonierten Zeit hat sich das vermutlich nicht gelohnt.
Immerhin fand ich noch einen Kilometer weiter eine andere Unterkunft, etwas teurer, aber okay. Ich war erst um 20.15 Uhr dort, da war es schon dunkel — zwei Nachteile: Erstens hätte ich die verlorene Stunde noch fahren können (wollte ich zwar nicht, hätte ich aber gekonnt). Zweitens fand ich nach dem Duschen an diesem Dienstagabend nichts mehr offen zum Essen. Also ging ich tatsächlich ohne Abendessen ins Bett — mit über 3.700 verbrannten Kalorien im Konto und keiner einzigen davon zurück. Nicht mal auf einen meiner Carb-Riegel hatte ich Lust. Überraschend gut weggesteckt: hungrig ja, aber nicht schlaflos-hungrig. Wahrscheinlich war ich schlicht zu müde.
Daten des Tages: 182 km, 1.797 Höhenmeter, Normalized Power 133 Watt, Durchschnittsherzfrequenz 118 (an diesem Tag lief der Gurt zuverlässig), gut 9 Stunden in Bewegung — aber über 12 Stunden insgesamt, dank Furlo-Staunen, Booking-Drama und Unterkunftssuche.
Tag 5 — Über den Berg nach Rieti, mitten in den Nabel Italiens
Letzter Tag, und nur ein halber: von Bastia Umbra / Assisi Richtung Rieti. Rückblickend bin ich mir nicht sicher, ob es klug war, Foligno zu umfahren — ich bin am südwestlichen Rand der Valle Umbra entlanggefahren, statt durch die Stadt. Durch Foligno hätte ich mir die Stadt ansehen können und hätte vermutlich reichlich Auswahl fürs Frühstück gehabt. Nächstes Mal fahre ich wenigstens durch.
Von Spoleto nach Terni ging es über einen ordentlich fordernden Berg — den Pass der Somma (Valico della Somma) auf der alten Via Flaminia, gut 600 Meter hoch; mein Tageshöchstpunkt lag laut Wahoo bei 670 m. Anstrengend war er vor allem deshalb, weil ich bereits fast 900 Kilometer in den Beinen hatte. An sich aber ein schönes Stück: der Straßenabschnitt kurz, eine schattige Nebenstraße, und das war morgens Gold wert, denn es war schon früh extrem heiß — bei meiner Ankunft oben zeigte das Thermometer bereits die 30er an.
Ärgerlich: Etliche Trinkbrunnen, die ich mir als Points of Interest auf den Wahoo gelegt hatte, waren trocken. Kein Tropfen. An diesem fünften Tag bin ich — weil ich fest mit Wasser gerechnet hatte und keins fand — längere Abschnitte komplett ohne Wasser gefahren. Halb so wild, es war ja nur ein halber Tag. Aber eine Funktion „Brunnen außer Betrieb" wäre schon nett.
Nicht ganz nach Terni hinunter, sondern Richtung Marmore — denn Terni liegt im Vergleich zu Rieti recht tief, und ich hatte keine Lust, die Höhenmeter danach wieder gutzumachen. Beim Übergang vom Tal von Terni ins Tal von Rieti habe ich es dann geschafft, mich so gründlich zu verfransen, dass ich mein Rad rund 20 bis 25 Minuten durch einen Olivenhain geschoben habe. Mal wieder dachte ich, ich sei schlauer als Komoot: „Da ist es doch kürzer!" War es distanzmäßig vielleicht sogar — gekostet hat es mich trotzdem eine Viertelstunde. Aber schön war's.
Dann vorbei an der Cascata delle Marmore mit ihrem berühmten Wasserfall. Kleine Korrektur zu meiner Vermutung unterwegs: Der höchste Wasserfall Europas ist er nicht — aber er ist mit 165 Metern (über drei Stufen) der höchste von Menschenhand geschaffene Wasserfall der Welt. Angelegt haben ihn schon die Römer, 271 v. Chr., indem sie den Fluss Velino in den Nera umleiteten. Künstlich, uralt und trotzdem beeindruckend.
In der Ebene von Rieti traf ich dann einen Rennradfahrer, der mich überholte — was mich natürlich sofort herausforderte. Es waren die letzten 20 Kilometer, da ging das noch. Also hinterher, rund zehn Minuten zusammen gefahren, danach ein bisschen geplaudert. Er hatte gerade Nachtschicht hinter sich — Polizei oder Carabinieri — und schloss den Arbeitstag mit einer Radtour ab. Sehr sympathisch, so kann man das auch machen. Er fuhr flott, und das sieht man auch auf meinem Wattmesser: Plötzlich, trotz flacher Strecke, eine durchschnittliche Leistung von geschätzt 180–190 Watt — bei all den Peaks im Graphen lässt sich das schwer genau ablesen, aber ich habe ordentlich Gas gegeben.
Ziel erreicht: die Piazza San Rufo in Rieti, mit dem hässlichen Rondell, das angeblich die geografische Mitte Italiens markiert — der Umbilicus Italiae, der Nabel Italiens. „Angeblich" ist hier das Schlüsselwort: Was als „geografische Mitte" gilt, hängt davon ab, ob man Inseln mitrechnet, die Zwölf-Meilen-Zone, nur das Festland … darüber streiten sich die Italiener seit Ewigkeiten. Egal. Für mich war es nach 1.000 Kilometern genau der richtige Punkt zum Absteigen.
Daten des Tages: 113 km, gut 900 Höhenmeter, knapp 6 Stunden in Bewegung, Normalized Power 140 Watt (höher als man für einen halben Tag denkt — Dank an den Carabiniere). Die Herzfrequenz war an diesem Tag übrigens offiziell für die Tonne: Laut Wahoo schlug mein Herz im Schnitt 28 Mal pro Minute, was mich medizinisch irgendwo zwischen „Winterschlaf" und „Zombie" einordnet. Der Sensor hatte schlicht aufgegeben.
Fazit — was bleibt, was ich nächstes Mal anders mache
Angekommen, habe ich zwei Wochen lang kein Rad mehr von oben gesehen — erst mussten die Scheuerblasen unter dem Hintern ausheilen. Muskeln schön massiert, aber täglich die 10.000 Schritte gegangen, um in Bewegung zu bleiben. Eigentlich hätte ich in der Zeit richtig gern eine Runde laufen wollen — keine großen Distanzen, aber so eine halbe Stunde. Ergab nur keinen Sinn, dafür extra Laufklamotten zu kaufen, die ich dann auf dem Rad wieder heimtransportiere.
Was ich mitnehme:
- Tag 1 nicht überziehen. 250 Kilometer und 2.200 Höhenmeter am ersten Tag waren ein Fehler — die Erschöpfung habe ich vier Tage lang mitgeschleppt. Im Nachhinein ist man immer schlauer.
- Früh starten, Hotelfrühstück opfern. Kühle Morgenkilometer schlagen jedes Buffet.
- Keine Mini-Pausen. Die bringen für die Regeneration nichts und summieren sich böse. Lieber den Hintern trainieren, damit er solche Tage überhaupt klaglos sitzt.
- Trinken und essen, bevor der Kreislauf streikt. Der Schwindel-Moment an Tag 2 war eine klare Ansage.
Und trotzdem — oder gerade deswegen: Es war eine richtig schöne Tour. Würde ich sofort wieder machen. Nicht exakt dieselbe vielleicht; beim nächsten Mal reizt mich der Westen, am Tyrrhenischen Meer entlang, mit Lucca und Florenz. Aber die Grundidee — einmal quer über die Alpen und durch halb Italien, auf stillen Radwegen, mit Trinkbrunnen, nassen Trikots und kuriosen Wirtsleuten — die steht.
1.000 Kilometer, knapp 6.000 Höhenmeter, viereinhalb Tage, ein paar Kilo leichter. Von Bayern bis zum Nabel Italiens.