Servus!
Ich habe mir in letzter Zeit öfter die Frage gestellt, welche gesellschaftlichen Folgen KI langfristig haben könnte, wer nicht.
Aber nicht in fünf oder zehn Jahren, sondern wenn wir die Entwicklung einmal konsequent einige Jahrzehnte weiterdenken.
Unser Wirtschaftssystem funktioniert heute vereinfacht gesagt so: Menschen arbeiten, verdienen Geld und kaufen damit Waren und Dienstleistungen. Unternehmen produzieren diese, beschäftigen dafür wiederum Menschen und bezahlen ihnen Gehälter.
Aber was passiert, wenn wir den Menschen irgendwann gar nicht mehr als Arbeitskraft brauchen?
Was vor wenigen Jahren noch nach Science-Fiction geklungen hätte, erscheint mir mittlerweile zumindest als ernstzunehmendes Zukunftsszenario. KI übernimmt zunehmend Aufgaben, für die bisher menschliche Intelligenz notwendig war. Gleichzeitig macht auch die Robotik Fortschritte. Heute betrifft das vor allem Büroarbeit, Programmierung oder Datenanalyse. In einigen Jahrzehnten könnten aber auch große Teile der körperlichen Arbeit automatisiert sein.
Weiter gedacht:
Stellen wir uns vor, Landwirtschaft, Industrie, Logistik, Verwaltung und irgendwann sogar große Teile der Forschung funktionieren weitgehend autonom. KI und Roboter produzieren nahezu alles, was wir zum Leben brauchen. Die Produktivität ist höher als jemals zuvor, während dafür kaum noch menschliche Arbeitskraft benötigt wird.
Eigentlich wäre das eine fantastische Entwicklung. Zum ersten Mal in der Geschichte könnten wir gesellschaftlichen Wohlstand schaffen, ohne dass der Großteil der Bevölkerung dafür arbeiten muss.
Nur ergibt sich daraus ein ziemlich grundlegendes Problem.
Wenn Unternehmen kaum noch Arbeitnehmer benötigen, woher bekommt dann die breite Bevölkerung ihr Einkommen? Wer soll all die produzierten Waren kaufen, wenn die Mehrheit keine Arbeit mehr findet?
Natürlich gibt es darauf mögliche Antworten. Ein bedingungsloses Grundeinkommen beispielsweise, eine Besteuerung automatisierter Wertschöpfung oder andere Formen der Umverteilung. Auch könnte ein kapitalistisches System grundsätzlich weiterbestehen, schließlich setzt Privateigentum an Produktionsmitteln nicht voraus, dass Menschen diese bedienen.
Aber damit kommen wir zu einer Frage, die ich wesentlich interessanter finde:
Warum sollten wir überhaupt an einem System festhalten, in dem Menschen arbeiten müssen, um sich ihre Existenz zu sichern, wenn ihre Arbeit für die Produktion unseres Wohlstands gar nicht mehr gebraucht wird?
Und damit landen wir interessanterweise bei einer Idee, die historisch alles andere als erfolgreich war: dem Kommunismus beziehungsweise einer gemeinschaftlich organisierten Wirtschaft.
Eines der großen Probleme klassischer Planwirtschaften war, dass eine zentrale Behörde unmöglich sämtliche Informationen verarbeiten konnte, die für eine effiziente Steuerung der Wirtschaft notwendig sind. Was wird wo benötigt? Wie viel davon? Welche Ressourcen stehen zur Verfügung? Wie organisiert man Produktion und Verteilung?
Eine ausreichend leistungsfähige KI könnte zumindest einen Teil dieser Probleme wesentlich besser bewältigen als menschliche Planer.
Auch das Problem fehlender Arbeitsanreize würde in einer weitgehend automatisierten Wirtschaft an Bedeutung verlieren. Ein Roboter braucht schließlich weder ein Gehalt noch die Aussicht auf eine Beförderung, um seine Arbeit zu erledigen.
Das bedeutet natürlich nicht, dass KI plötzlich sämtliche Probleme des Kommunismus lösen würde. Ressourcen bleiben begrenzt, Menschen haben unterschiedliche Interessen und Machtmissbrauch verschwindet nicht dadurch, dass ein Algorithmus wirtschaftliche Entscheidungen trifft. Ganz im Gegenteil: Die Frage, wer diese Systeme kontrolliert, könnte sogar noch wichtiger werden als heute.
Trotzdem finde ich den Gedanken spannend, dass ausgerechnet der technologische Fortschritt irgendwann Voraussetzungen schaffen könnte, die bei früheren Versuchen einer gemeinschaftlich organisierten Wirtschaft schlicht nicht vorhanden waren.
Vielleicht führt uns das aber auch in die völlig entgegengesetzte Richtung.
In eine Gesellschaft, in der eine relativ kleine Gruppe von Unternehmen und deren Eigentümern praktisch sämtliche Produktionsmittel kontrolliert. Wer die KI, die Rechenzentren und die Roboter besitzt, kontrolliert dann auch einen Großteil der wirtschaftlichen Wertschöpfung. Der Rest der Bevölkerung wäre davon abhängig, wie dieser Wohlstand verteilt wird.
Und genau deshalb glaube ich, dass wir uns langfristig vielleicht gar nicht mehr darüber streiten werden, wie wir genügend Arbeitsplätze schaffen, sondern darüber, wem eigentlich die Maschinen gehören, die unseren Wohlstand erwirtschaften.
Was denkt ihr?
Wenn menschliche Arbeit irgendwann nicht mehr notwendig ist, um gesellschaftlichen Wohlstand zu schaffen, welche Berechtigung hätte dann noch ein Wirtschaftssystem, in dem die Existenzsicherung des Einzelnen maßgeblich von seiner Erwerbsarbeit abhängt?
Könnte KI langfristig tatsächlich die Grundlage für eine demokratisch organisierte, weitgehend automatisierte Gemeinwirtschaft schaffen? Oder steuern wir eher auf eine Art extremen Kapitalismus zu, in dem wenige Eigentümer praktisch die gesamte Wertschöpfung kontrollieren?
Und wäre eine Gesellschaft, in der niemand mehr arbeiten muss, nicht eigentlich genau das, worauf wir mit unserem technologischen Fortschritt seit Jahrhunderten hinarbeiten?